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Wer die Augen schließt, hört mehr...

Brigitte Graner erklärt, warum wir uns in halb leeren Sälen unwohl fühlen – und Menschen sich nicht einfach durch Schaufensterpuppen ersetzen lassen.

Interview mit der Akustikerin Brigitte Graner im Tagesspiegel – Graner + Partner Ingenieure GmbH, 13.09.2020, Der Tagesspiegel, Kultur-Redaktion, Frederik Hanssen

Brigitte Graner führt zusammen mit ihrem Mann Bernd in Bergisch Gladbach eines der wichtigsten deutschen Ingenieurbüros für Raumakustik und Medientechnik. Zu ihren bekanntesten Projekten zählt das Konzerthaus Dortmund.

In Berlin hat sie den Werner Otto Saal des Konzerthauses akustisch betreut, in Potsdam sowohl den Neubau des Hans Otto Theaters als auch den des Landtags im wieder aufgebauten Stadtschloss.

Frau Graner, in Berlin durften zum Saisonstart nur 20 bis 25 Prozent der Plätze besetzt werden in den Theatern und Konzertsälen. Sie klangen darum ganz anders. Ist das objektiv so oder nur ein Gefühl?

Das kann durchaus physikalische Grundlagen haben. Bei der Steuerung der Nachhallzeit sind die Besucher eine wesentliche Komponente. Menschen sind, wissenschaftlich ausgedrückt, sehr hochwertige Absorber, denn unsere Körper schlucken 60 bis 80 Prozent des Schalls, der auf sie trifft. Bei Neubauten wird das Volumen eines Saals also stets nach der Zahl der Personen festgelegt, die hier Platz finden sollen. Je größer das Publikum desto größer muss auch die Kubikmeterzahl sein. Moderne Säle werden aber auch so gebaut, dass sie dieselben akustischen Qualitäten aufweisen, unabhängig davon, ob sie voll besetzt sind oder leer. Dabei spielt die Bestuhlung eine Hauptrolle. Die Sessel werden so konzipiert, dass ihre hochgeklappte Unterseite dieselben akustischen Eigenschaften aufweist, als säße eine Person darauf. Beim Konzertsaal in Dortmund haben wir das beispielsweise so gemacht. Dadurch ist der Klang dort nicht davon abhängig, wie viele Zuhörer anwesend sind.

In Berlin haben wir vor allem Säle, die unter Denkmalschutz stehen und darum keine ultramoderne Akustik-Sitze haben. Was kann man da spontan tun, um den Klang zu verändern?

Sie könnten zu einem alten Theatertrick greifen und einfach über die Sitze mehrere Lagen Stoff hängen, am besten Molton aus beidseitig gerauter Trevira-Kunstfaser. So kann man zusätzliches Schall schluckendes Material in den Saal einbringen.

Beeinflusst der Anblick schütter besetzter Reihen eigentlich auch die Wahrnehmung durch unser Ohr?

Ja, denn wir sind Sichtmenschen. Wir ordnen dem Seh-Sinn alle anderen Sinne unter. Das Empfinden, in einem leeren Saal zu sitzen, hat also durchaus Auswirkungen auf den Höreindruck. In einem Konzerthaus erlebt man ja nicht nur die Musikaufführung alleine, sondern immer auch das Miteinander von Menschen. Es geht hier also um mehr als nur um Reflexion und Nachhallzeit. Wenn sich viele Personen in einem Raum zusammenfinden, entsteht zudem ein Grundgeräuschpegel: Das Atmen, das sich Schnäuzen, das hin und her Rutschen auf den Sitzen, all diese Dinge erleben wir mit und speisen sie psychologisch in das akustische Empfinden mit ein. Die Klangkulisse eines Publikums, das sich still verhält, liegt bei durchschnittlich 28 Dezibel. Zum Vergleich: Ein Fernseher in Zimmerlautstärke liegt bei 60 Dezibel. Fehlt dieser Pegel, nimmt man plötzlich in den leisen Passagen der Musik auch Geräusche der Lüftung oder der Scheinwerfer wahr, die sonst überdeckt sind.

Dieter Hallervorden hatte die Idee, in seinem Schlossparktheater auf die zwangsweise leer bleibenden Sitze einfach Schaufensterpuppen zu platzieren – damit sich die Anwesenden nicht so alleine fühlen. Verbesser sich dadurch auch der Raumklang?

Nur zum Teil. Denn schon rein physikalisch liegt der Unterschied zwischen einer Schaufensterpuppe und einem echten Menschen darin, dass wir mit unseren natürlichen Membranen, wie beispielsweise dem Magen, die tiefen Frequenzen absorbieren. Unsere Kleidung absorbiert die mittleren und hohen Frequenzen. Selbst wenn man die Puppen also so kostümiert wie Zuschauer, fehlen trotzdem die tiefen Frequenzen komplett.

Auch die Musiker auf der Bühne müssen aktuell die Abstandsregeln einhalten. Darum sitzen sie deutlich weiter voneinander entfernt als sie es gewohnt sind. Welche Folgen hat das?

Ob es einen Einfluss auf die Raumakustik gibt, wenn die Musiker weiter auseinander sitzen als traditionell üblich, hat bislang noch niemand untersucht. Weil sich die Frage vor Corona schlicht nicht gestellt hat. Aber auch hier kann es einen psychologischen Effekt geben. In einer Aufführung regelt ja der Dirigent nicht alles alleine, ebenso wichtig ist das Zusammenspiel der Musikerinnen und Musiker untereinander. Die einzelnen Instrumentengruppen müssen in der Lage sein, sich gegenseitig gut zu hören, damit sie aufeinander reagieren, miteinander interagieren können.

Christine Lemke-Matwey von der „Zeit“ hat ein Experiment gemacht. Erst hat sie die Berliner Philharmoniker live im Konzert gehört und dann dasselbe Programm als Mitschnitt im Radio. Dabei hatte sie komplett unterschiedliche Höreindrücke.

Weil jedes aufgenommene Konzert für den Rundfunk, die CD oder fürs Streaming immer bearbeitet wird. Da lässt sich viel justieren beim Klang, eine Atmosphäre herstellen, die vor Ort im Saal nicht möglich war, beispielsweise wegen der Corona-Regeln. Richtig vergleichen lassen sich also nur Liveerlebnisse untereinander. Und zwar am besten mit geschlossenen Augen, wie beim berühmten Pepsi-Test...

Pepsi-Test?

Wenn Sie Fan von Coca-Cola sind, stellt sich der Kopf auf den Geschmack ein, sobald Sie eine Coca-Cola-Flasche sehen, Trinken Sie aber mit geschlossenen Augen, kann es gut sein, dass Sie plötzlich auch Pepsi mögen. Beim Blindtest kann man die anderen Sinne hervorheben, schärfen. Das gilt auch fürs Gehör. Sobald wir hinschauen, sind wir voreingenommen. Darum teste ich die Akustik von Räumen immer mit geschlossenen Augen. So erhalte ich das objektivste Ergebnis.

Könnte dieser Trick mit den geschlossenen Augen jetzt auch für all jene hilfreich sein, die daran leiden, beim Konzertgenuss in einem halb leeren Saal sitzen zu müssen?

Auf jeden Fall!

 

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